
Wahrhaft moralisch handeln ist eine Lebensaufgabe - Schon Kant muss im 18. Jahrhundert(!) geahnt haben, welche dramatischen Konsequenzen sich aus dem langsamen Niedergang eines von der Metaphysik getragenen Weltbildes für die Begründung der Moral ergeben. Dieser Schwierigkeit kann der wohl bedeutendste deutsche Philosoph, dem bei seinen eigenen Überlegungen selbst schwindlig geworden ist angesichts der Tatsache, dass Gott auch hinweggedacht werden kann, nur dadurch begegnen, dass er gleichsam a priori ein moralisches Gesetz in uns wohnen läßt, dessen Ursprung und Gültigkeit er weder hinterfragt noch einem Rechtfertigungszwang aussetzt. Es ist einfach da.- Wer sich auf diesen Gedankengang einlässt, bleibt allerdings nicht mehr rat- und orientierungslos, sondern begibt sich mit dem großen Denker auf die Suche nach einem Lebensentwurf, dessen Kern die Suche nach dem Höchsten Gut ist. Was hat es damit auf sich? Es geht um ein Leben in Sittlichkeit aus Pflicht (mit dem Kategorischen Imperativ im Zentrum), das den wahren Kern der Persönlichkeit ausmacht und auch Glückseligkeit durch sinnliche Freuden im Sinne der klassischen eudaimonia keineswegs ausschließt. In diesem Zusammenhang spielt das Gewissen wohl die entscheidende Rolle. Richtschnur ist bei Kant, der deshalb oft als einer der letzten Retter des christlichen Glaubens bezeichnet worden ist, die moralische Lehre der Evangelii, welcher man sich jedoch im Leben, wie Kant offensichtlich nur zu gut weiß, einzig und allein in einem unendlichen Progressus zu nähern bestrebt sein kann. Es ist ergreifend, wie respektvoll und bescheiden der Philosoph der Aufklärung mit den im 18. Jahrhundert vor Verwitterung und Verfall nicht mehr geschützten Säulen der christlichen Tradition des Abendlandes umgeht. Es hat mit Atheismus dann auch nichts zu tun, wenn Kant selbst nur in Verbindung mit seiner Postulatenlehre auf die Verwirklichung seines sittlichen Projektes hoffen kann: Die Existenz Gottes, Unsterblichkeit und menschliche Freiheit müssen einfach gefordert werden, wenn die Nichterreichbarkeit der sittlichen Vervollkommnung in diesem Leben jeden einholt. - Ein unglaublich wichtiges philosophisches Werk, dessen Lektüre unbedingt zu empfehlen ist! Kant selbst hat letzterem, weil Vernunft hier praktisch werde, den Vorrang vor seinen anderen Kritiken gegeben.
Die andere Glückseligkeit - Mit der Kritik der praktischen Vernunft legt Kant den Beweis in Buchform vor, dass Vernunft an sich selbst praktisch sei. Das klingt nicht nur nach einer Anspielung auf die vorhergehende Untersuchung der reinen Vernunft, es ist die Ausbreitung jener gewonnenen Erkenntnisse über die reine Vernunft und ihrer Prinzipien in die praktische Umsetzung, d.h. wie man mit diesen Fähigkeiten statthaft umzugehen habe. Populärer gesagt, an die Frage, was mit der Vernunft möglich sei schliesst Kant nun die Frage an, wie man sich (damit) zu verhalten habe.Am Anfang der Untersuchung führt Kant verschiedene für seine Ethik spezifische und sehr wichtige Begriffe ein als da z.B. wären Maxime, Imperativ, technische Regel und der berühmt-berüchtigte kategorische Imperativ oder allgemeines Gesetz. Jener kategorische Imperativ war, ist und wird wahrscheinlich bleiben: ein Stein des (Denk)-Anstoßes. Bevor Kant aber mit jenem Vollgas gibt begibt er sich auf die Suche, was zur allgemeinen Gesetzgebung tauglich sein könnte, wie Glückseligkeit für alle zu erhalten sei, und das ist neben dem, was es für die Ethik liefert, ein intellektueller Leckerbissen (wie das übrige auch), ich habe desöfteren laut gelacht über die Köstlichkeit der Beispiele und des Ausdrucks, eine Fundgrube auch für Liebhaber des feinen Humors.Was nun die Ethik der praktischen Vernunft anlangt, so ist jener kategorische Imperativ, Grundgesetz der praktischen Vernunft a b s o l u t grundlegend für alles, was vor und nach Kant Ethik sich nennen will. Da es sich bei jenem um eine bloße Form des Gesetzes handelt, die frei von Inhalt (das Pathologische) bleiben muß, lässt sich, wenn man das weiterdenkt, eine Menge damit anstellen. Man kann damit praktisch jede Gesetzgebung dieses Musters beglaubigen. Lacan, um eine extreme Leseart zu nennen, behauptete gar, de Sade sei die geheime Wahrheit Kants. Das zu beurteilen, lese man dort nach.Als Fazit sei gesagt: Ein Vergnügen, dieses Buch ! Anstrengend ja, am Strand lernt sich schlecht daraus, aber absolut lesenswert und für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen absolut unentbehrlich.
Der unhintergehbare Klassiker der Ethik - Dieses Buch richtet sich nach den ethischen Fragen: Wie soll ich richtig leben und handeln? Um das moralisch richtige Handeln zu bestimmen, entwickelte Kant eine Formel, die er kategorischer Imperativ nannte. Danach soll der Mensch so leben, daß alles, was er tut, auch von anderen Menschen getan werden kann, ohne daß dadurch der Menschheit insgesamt ein Schaden entsteht.Er drückte diesen Satz folgendermaßen aus: ,, Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Unter Maxime verstand Kant einen Grundsatz oder Vorsatz, der nur einen einzelnen Menschen betrifft, und nicht für die Allgemeinheit gilt. Eine Maxime wäre z. B. der Vorsatz: ,,Ich trinke keinen Alkohol. Dieser Vorsatz gilt nur für mich, ob andere trinken ist dabei egal. Ein Imperativ ist bei Kant ein Gebot, ein Befehl oder eine Regel. Ein kategorischer Imperativ ist demnach ein unbedingtes sittliches Gebot, dem man unter allen Umständen gehorchen soll. Zur Verdeutlichung ein Beispiel:Aufgrund eines hohen Geldverlustes in der Spielbank bin ich gezwungen mir Geld bei einem Freund zu leihen. Ich sage ihm, daß ich es ihm baldmöglichst zurückgeben werde. Ich weiß jedoch, daß ich niemals in der Lage sein werde ihm diese Summe zurückzubezahlen. Natürlich geht mir dabei die Frage durch den Kopf, ob ich nicht unerlaubt und pflichtwidrig handle. Wenn ich mir nun trotzdem das Geld ,,leihe so lautet die Maxime meiner Handlung: Wenn ich in Geldnot bin, so werde ich mir Geld leihen und versprechen es zurückzugeben, obwohl ich weiß, ich werde es niemals tun. Die nächste Frage wäre dann: Will ich, daß alle Menschen sich dieses Prinzip bzw. diese Maxime aneignen? Die Folge ist ganz klar: Ich würde meinen Zweck und das Versprechen niemals einhalten können, da niemand mir glauben schenken und Geld leihen würde.Menschen, die nach dem kategorischen Imperativ handeln, sind frei. Diese Freiheit hebt sie über alle anderen Geschöpfe hinweg. Der Mensch ist verantwortlich für sich und seine Taten, er besitzt als sittlich handelnder Mensch eine Würde. Dieses Bewußtsein seiner Freiheit läßt ihn ,, gleichsam einen heiligen Schauer über die Größe und Erhabenheit seiner wahren Bestimmung fühlen.